Ein Leben reicht nicht - Johannes Lepsius’ Kampf für die Opfer des Völkermords
Dieser Blick von innen auf eine so bedeutende Figur der Zeitgeschichte erweitert unser bisheriges Bild dieses Mannes. Wir sehen ihn nicht mehr nur als Objekt historischer Analyse, wir erleben ihn vielmehr als den Mittelpunkt eines vitalen und kreativen gesellschaftlichen Zirkels mitten in Potsdam: Ein Kraftfeld, das von hier aus heilsam bis nach Urfa, bis in die mesopotamische Wüste wirkte. Und so verstehen wir, warum das Lepsius-Haus in Potsdam endlich wieder mit Leben gefüllt werden musste, warum dieses Haus Gedenk- und Forschungsstätte werden musste: Weil hier der Geist von Humanität, von mitfühlender Menschlichkeit und Liebe lebendig ist.
Die Autorin greift zu einem Trick, uns diesen Mann näher zu
bringen: Sie dokumentiert nicht, sie erzählt. Sie zieht den Leser über diese
Erzählung in den Bann eines Mannes, der zu seiner Zeit große Überzeugungskraft
ausgestrahlt haben muss. Ein Menschenfänger, der sein Umfeld wie
selbstverständlich eingebunden hat in seine große Vision eines umfassenden
Hilfswerks für die verfolgten Christen im Orient. Und der doch daran zerbricht,
dass er sein Werk nicht abschließen kann. Er wünscht sich am Ende „kein zweites
Leben", er will dieses erste und einzige Leben fortsetzen: „Die Armenier
brauchen mich noch."
Die literarische Gattung einer dokumentarischen Fiktion ist
immer zwiespältig, gefährliches Terrain sozusagen. Ganz frei ist auch dieses
Buch nicht davon. Manchmal wirken die Dialoge gekünstelt und papieren, wenn sie
historische Fakten und Dokumente transportieren sollen, wenn kluge Antworten
durch naive Fragen herausgefordert werden. Aber das sind doch immer nur wenige
Passagen. Auf der anderen Seite schafft sich die Autorin mit einem solchen
Ansatz die Freiheit, Szenen und Figuren einzuführen, die beispielsweise den
Opfern Namen und Gesicht geben, die emotionale Bindung herstellen. So gelingt
es Brigitte Troeger sehr einfühlsam, das private Leben der Familie Lepsius mit
der Weltgeschichte zusammen zu führen. Dann sind wir fasziniert, dieser Mann im
pausenlosen Einsatz für seine politischen, publizistischen und humanitären Ziele
zu erleben.
Die Autorin verknüpft ihre Erzählung mit einer abendlichen
Gesprächsrunde im Lepsius-Haus am Tag des Prozesses gegen den armenischen
Studenten Salomon Teilirian, der in Berlin den türkischen Organisator des
Massenmords, den ehemaligen Innenminister Talaat erschossen hatte. Lepsius war
als Sachverständiger aufgetreten und konnte mit seinem beeindruckenden Bericht
über die Hintergründe der Tat zum überraschenden Freispruch beigetragen. Nun
reden die Freunde, darunter der Dichter Amin T. Wegner, über den Fall und über
die armenische Sache...
In jüngster Zeit wird die Figur Lepsius ja eher unter der
Fragestellung beleuchtet, wie sehr und warum der Mann die Veröffentlichung der
Akten des Auswärtiges Amtes zum Völkermord an den Armeniern manipuliert habe.
Eine Debatte, nebenbei, die 80 bis 90 Jahre danach nicht besonders originell
ist und ohnehin ziemlich einseitig - von türkischer Seite natürlich klar
interessengeleitet - geführt wird, weil sie die Bedingungen und die
Abhängigkeiten der damaligen Zeit außer acht lässt. Beispielsweise: Das
Innenministerium zwingt Johannes Lepsius ins Exil, das Außenministerium
beauftragt ihn mit der Publikation der Akten. Brigitte Troeger nimmt diese Fragen nicht auf, aber sie hilft
uns, Leben und Wirken des Johannes Lepsius wieder so in den Blick zu nehmen,
dass das eine große Projekt in den Mittelpunkt rückt: der aufopferungsvolle
Einsatz und die unschätzbare Hilfe für die armenischen Opfer der Massaker in
den 1890er Jahren und des Genozids von 1915. Sie erzählt uns von einem Mann,
den sein Glaube stark macht und der seinen Mut aus der schlichten Überzeugung
schöpft, dass die Welt nicht zuschauen darf, wenn ein Volk vernichtet wird.
Brigitte Troeger:
Brennende Augen - Johannes Lepsius: Ein Leben für die Armenier. Sein Kampf
gegen den Völkermord". Brunnen Verlag Gießen, 2008. 206 Seiten. ISBN
978-3-7655-1904-8
http://www.amazon.de/Brennende-Augen-Johannes-Armenier-Erz%C3%A4hlung/dp/3765519049

