Dink-Mord: "Anschlag auf Meinungsfreiheit in der Türkei".Gedenkfeier der armenischen Gemeinde Österreichs - Botschafter Hovakimian: Nationalistische Stimmungsmache mitschuldig
In einer ökumenischen Trauerfeier hat die Armenisch-Apostolische Kirchengemeinde Österreichs am Sonntag des in Istanbul ermordeten türkisch-armenischen Herausgebers Hrant Dink gedacht. Armeniens Botschafter in Österreich, Ashot Hovakimian, appellierte an die türkische Regierung, "die echten Hintermänner des feigen Mordes vor Gericht zu bringen". Einig waren sich die Redner darüber, dass die Stimmungsmache nationalistischer Gruppen und der umstrittene "Türkentum"-Paragraf Mitschuld am Tod des mutigen Journalisten tragen.
Dink habe den Hass ultranationalistischer Kreise auf sich gezogen, sich aber nicht einschüchtern lassen, erklärte Botschafter Hovakimian bei der Feier in der Armenisch-Apostolischen Kirche im 3. Wiener Gemeindebezirk. Als Bürger der Türkei sei der Herausgeber der Zeitung "Agos" "gegen die Leugnung des armenischen Völkermordes aufgetreten" und habe sich "um die Anerkennung der historischen Wahrheiten bemüht" im Bestreben, die Türkei zu einem modernen, demokratischen Staat zu machen.
"Blutiger Anschlag gegen die Meinungsfreiheit"
Die Ermordung Dinks war "ein blutiger Anschlag gegen die Meinungsfreiheit in der Türkei", so der Diplomat weiter. Die Modernisierung passe den Ultranationalisten nicht ins Konzept, die "den Demokratisierungsprozess torpedieren". Der Paragraf 301, der Verfolgungen wegen Beleidigung des Türkentums zulässt und wegen dem auch Dink vor Gericht kam, habe dazu beigetragen, "eine hasserfüllte Atmosphäre zu schaffen".
Namens der Union Orientalischer Christen erklärte Iskandar Jacques, der Anschlag auf Dink "hat rassistische und religiöse Gründe, die in der türkischen Verfassung verankert sind". Er fügte hinzu: "Wer die Früchte der Anerkennung des armenischen Volkes ernten will, muss viele Opfer bringen." Jacques forderte die EU auf, die Türkei nicht in die EU aufzunehmen, solange diese den Völkermord an Armeniern und Assyrern nicht anerkenne. Hrant Dink sei zu einem "Märtyrer" geworden "wie die 1,5 Millionen Opfer des Völkermordes von 1915-17".
"Wahrheit müsse ans Licht befördert werden"
Der Vorsteher der Kirchengemeinde, Haig Asenbauer, würdigte Dink als einen Menschen, der "sein eigenes Leben über alle Grenzen hinweg in den Dienst der Schwächeren gestellt hat". Die Wahrheit über die Hintergründe des Mordes müsse ans Licht gefördert werden, um dem Umgang mit dem Vermächtnis Dinks gerecht zu werden. Eine Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern könne "nur auf der Grundlage der Wahrheit und der Anerkennung der Wahrheit" gesucht werden.
Der Erzbischof der armenisch-apostolischen Gemeinde, Mesrob K. Krikorian, der die ökumenische Seelenmesse leitete, erinnerte in seiner Ansprache an Worte Dinks, die bei den Begräbnisfeierlichkeiten in Istanbul von dessen Witwe Rakel zitiert wurden. Dink hatte seinen Gemütszustand mit dem einer "aufgescheuchten Taube" verglichen. Im Gespräch mit der APA bekräftigte Krikorian am Rande der Feier seine Skepsis gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei. Die türkischen Medien kritisierte er, weil sie die Bevölkerung ungenügend über die Christen im eigenen Land informieren.
Letzten zwei Artikel vorgelesen
Bei der Trauerfeier verlasen Studenten Notizen und die beiden letzten Artikel Dinks, die in "Agos" erschienen. Darin legte der armenische Intellektuelle sein Denken und Fühlen dar und versuchte zu analysieren, warum er zur "Zielscheibe" der türkischen Justiz erkoren wurde. Weiße Blumen und schwarze Schleifen schmückten Bildnisse des Ermordeten und das Gotteshaus. Auch Vertreter der protestantischen, altkatholischen und armenisch-katholischen (Mechitaristen) Kirchen wohnten der Gedenkfeier bei
