Einem Mythos auf der Spur - Die Arche Noah und der Ararat

mg. Bremen, Sept.08 - Eine Annäherung an den Ararat, ein Versuch, den Berg und den Mythos dieses Berges zu begreifen – das ist das faszinierende neue Buch des niederländischen Erfolgsautors Frank Westermann: „Ararat – Pilgerreise eines Ungläubigen“. Der Autor ist Ingenieur für Hydrotechnologie, war Reporter unter anderem in Russland und ist auf einer Reise nach Armenien dem Ararat verfallen. Dabei ist dieser Berg ihm zweierlei – ein spannendes geologisches Zeugnis unserer Erdgeschichte und zugleich Träger des Jahrtausende alten Mythos’ von der Sintflut.

So gerät die Begegnung mit diesem „Schmerzensberg" für
Westermann fast zwangsläufig zu einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit
seiner eigenen religiösen Sozialisation: Wie sehr stehen Glaube und
Wissenschaft im Widerspruch, wie stark beeinflusst die Religion selbst den
stärksten analytischen Geist? Der heutige fundamentalistische Kreationismus ist
ja nur die krudeste Form einer Projektion der Erdgeschichte auf die Bibel (oder
umgekehrt), tatsächlich hat die wortgetreue Auslegung der Bibel noch lange in
die Neuzeit hinein die Naturwissenschaften bestimmt: Der abstruse Streit, ob
die Welt nun gerade einmal sechseinhalb tausend 
oder vielleicht doch viereinhalb Milliarden Jahre alt sei, wird von
manchen Eiferern bis heute erbittert ausgefochten...

 

Frank Westermann kreist seinen Ararat von allen Seiten ein:
Er nähert sich dem faszinierenden Doppelkegel zunächst von Jerewan, er liest
ihn wie ein Buch und lässt uns den Streit zweier armenischer Wissenschaftler
miterleben, die sich nicht einigen können, ob der Berg nun ein toter oder ein
nur schlafender Vulkan sei; er stöbert für 
uns in verstaubten Quellen und fördert Berichte über die angeblichen
Funde von Resten der Arche Noah zutage, er zitiert Abenteurer, die den
verbotenen Berg bezwungen haben; er legt überraschende Schichten seines eigenen
Bewusstseins frei, die von Kirche, Religion und frommem Elternhaus geprägt sind
und in die biblische Bilder der Sintflut unauslöschlich eingemeißelt sind; und
er schildert so einfühlsam wie stringent 
die geopolitische Lage im Grenzbereich zwischen Armenien und der Türkei:
Eines Tages, so lässt er einen kurdischen Bergführer resümieren, werde er
arbeitslos werden, weil man den Ararat den Armeniern überlassen müsse...

 

Die tatsächliche Annäherung an den Ararat erfolgt heute
natürlich über die Türkei. Archesucher, die neuerdings den Berg überschwemmen
und denen Frank Westermann sich angeschlossen hat, müssen zunächst einen
mühsamen Parcours durch die türkische Bürokratie zurücklegen - der Autor lässt
uns daran mit viel gelassenem Humor teilhaben. Als er trotz aller Hindernisse
endlich am Ziel angekommen scheint, signalisiert ihm der Höhenmesser: Es fehlen
noch genau 60 Meter bis zum Gipfel. Ein Schneesturm zwingt ihn zur Umkehr. Nur
ein Schneesturm?

 

Der Autor ist ein subtiler Kenner, ein analytischer
Beobachter, ein amüsanter Erzähler. Ein „Wissenschaftsthriller" ist dieses Buch
genannt worden, es ist aber viel mehr, weil der Autor den Blick auf die Welt
von außen äußerst intim verbindet mit einem Blick in sein eigenes Inneres.
„Pilgerreise eines Ungläubigen" nennt er sein Buch im Untertitel. Dabei
stolpern wir über einen merkwürdigen Satz: „Mit meinem Gang zum Gipfel würde
ich mich dessen versichern, dass ich, wenn es darauf ankam, auf die Vernunft
vertraute." Bedurfte es dieser Versicherung wirklich, hatten nicht alle Zeichen
signalisiert, dass es keine Arche auf dem Berg geben würde, dass keine Engel
jenseits der Schneegrenze warten würden?

 

Frank
Westerman: Ararat - Pilgerreise eines Ungläubigen
Übersetzt von Stefan Häring und
Verena Kiefer
Ch. Links Verlag 2008
285 Seiten, 19, 90 Euro