Dink-Prozess erregt die Gemüter
Gut sechs Monate nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat in Istanbul der Prozess gegen 18 Verdächtige begonnen. Nahe dem Gerichtsgebäude demonstrierten Menschen.
Weil der mutmassliche Todesschütze ein Jugendlicher ist, findet das Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In der Nähe des Gerichtsgebäudes demonstrierten unterdessen Hunderte für eine gerechte Bestrafung der Täter. Auf einem Transparent erklärten sie: «Wir sind alle Zeugen, wir wollen Gerechtigkeit.»
Versöhnung mit Armenien gefordert
Dink war am 19. Januar in Istanbul erschossen worden. Die Tat wurde international scharf verurteilt und löste in der Türkei eine Debatte über die Meinungsfreiheit und das Verhältnis des Staats zu den Nationalisten aus. Diese Kräfte sahen in seinen Äusserungen zum türkischen Vorgehen gegen Armenier im Ersten Weltkrieg eine Verunglimpfung des Türkentums.
Dink hatte die damaligen Ereignisse wiederholt als Völkermord gebrandmarkt und sich zugleich für eine Versöhnung zwischen der Türkei und Armenien eingesetzt. Kritiker beschuldigten die Behörden, auf Berichte über die geplante Tötung Dinks nicht reagiert zu haben.
Amtsenthebungen nach der Tat
Nach dem Mord waren der Gouverneur und der Polizeichef der Stadt Trabzon, der Heimat des mutmasslichen Schützen, wegen Fahrlässigkeit ihres Amtes enthoben worden. Sicherheitsbeamte, die sich mit dem Beschuldigten und einer türkischen Flagge fotografieren liessen, wurden ebenfalls entlassen.
Wenig Vertrauen der Bevölkerung
Viele Türken sind von der Existenz eines Netzwerks staatlicher Agenten oder Exbeamten mit möglichen Verbindungen zur organisierten Kriminalität überzeugt, das immer wieder Reformkräfte oder andere vermeintliche Feinde im Namen des Nationalismus ins Visier nehmen.
«Dieser Prozess wird ein Test dafür sein, ob dieser Sumpf ausgetrocknet wird oder nicht», sagte die Anwältin Kezban Hatemi, die Dinks Familie vertritt. Der Anklage fehlten Beweise, sagte sie; die wirklichen Schuldigen müssten noch gefunden werden.
